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Als der Kontakt zum Wetterwart-Ehepaar Heinrich und Lena Haas auf dem Säntis am Dienstag, 21. Februar 1922 unterbrochen wurde, hätte sich deswegen kaum jemand grosse Sorgen gemacht, denn die Telegrafen- und Telefonleitung war immer wieder einmal durch Schneelast und Wind beschädigt worden. Eher besorgniserregend war, dass sich Frau Haas am Sonntag bei der Frau des Säntisträgers Rusch über einen ungebetenen Gast beschwert hatte. Und noch am Vormittag des 21. Februars hatte sie sich vom Dienstchef des Telegrafenamtes St. Gallen beraten lassen, wie mit dem unangenehmen Gast am besten zu verfahren sei. Fest stand, dass es sich um einen gebürtigen Bayer mit Namen Gregor Kreuzpointner handelte, der sich 1919 ebenfalls mit Haas um den Posten des Säntiswartes beworben hatte. Am Mittwoch machten sich Vater und Sohn Rusch zur Leitungskontrolle auf, mussten aber wegen der extremen Schneeverhältnisse unverrichteter Dinge zurückkehren. Erst am Samstag konnten sie sich zusammen mit dem Meglisalpwirt Dörig zum zweiten Mal zum Observatorium auf dem Säntis aufmachen. Unterwegs fanden sie keine Beschädigungen an der Leitung, nur eine alte Skispur führte vom Bergipfel hinunter ins Tal. Oben angekommen erwartete sie niemand, und kein Rauch stieg aus dem Kamin. Die Haustüre war nicht abgeschlossen, sie hörten nur das erbärmliche Gewinsel des Hundes «Sturm». Diesen fanden sie eingeschlossen im völlig verwüsteten Arbeitszimmer – und neben dem Stehpult lag die leblose Lena Haas in ihrem eigenen Blut. Schlimmes erwartend machten sie sich auf die Suche nach Heinrich Haas. Sie stiegen hinauf ins zweite Obergeschoss und durch den Verbindungstunnel zum Gipfelplateau. Dort fanden sie vor dem Windmesserhäuschen die Leiche des Wetterwartes. Kreuzpointner wurde steckbrieflich als mutmasslicher Doppelmörder gesucht. Auf der Flucht gelang es ihm noch den gestohlenen Schmuck Lenas zu versilbern, und in Heiden übergab er unter mysteriösen Umständen die Tatwaffe – eine Browning Kaliber 7,65 – einer unbeteiligten Drittperson, die die Waffe bei der Polizei ablieferte. Am 4. März wurde die Leiche Kreuzpointners gefunden – er hatte sich in einem verlassenen Stadel unterhalb der Schwägalp aufgehängt. Da sich keine der betroffenen Gemeinden bereit erklärte, Kreuzpointner zu beerdigen, wurde die Leiche zu Forschungszwecken der medizinischen Fakultät der Universität Zürich zugeführt. Da sich Kreuzpointner einem Strafverfahren entzogen hatte, konnte der Tathergang und das Tatmotiv nie vollständig geklärt werden. Kreuzpointner war in finanziellen Schwierigkeiten, und wahrscheinlich machte er Haas für sein Unglück verantwortlich, weil dieser und nicht er drei Jahre zuvor den Posten als Wetterwart auf dem Säntis bekommen hatte.
Originalphotographien aus der Sammlung
In der Sammlung befinden sich 14 Originalphotographien, die als Konvolut, zusammen mit einem Zeitungsartikel [1], in die Sammlung kamen. Ein Teil der Photos trägt auf der Rückseite den Stempel «Wetterwarte Säntis». Diese wurden also offensichtlich im Observatorium als Postkarten verkauft. Eine grosse Hilfe bei der Aufarbeitung war das Buch von Bruno Meier «Säntiswetter» [2]. ——— Heinrich Haas, Beobachter des Observatoriums vom SÄNTIS, ermordet am 21. Februar 1922. 14 Gelatine-Silber-Prints (Postkarten). / Jean Gaberell (2) ; Rich. Kopieczek (5) ; E. Manser (1). – Teilweise im Negativ oder auf der Rückseite beschriftet. Ref.: St. Galler Tagblatt, Abendblatt v. 11.3.1922. Bruno Meier, Säntiswetter, 1996. Seitenblicke, 1998, S. 170/171 (Polizeiphotos des Tatortes). Photo «Pluviometer» ausgestellt in: «Skies and Seas», Museum für Photographie Braunschweig, 7.5 - 20.6.2010. Photobibliothek.ch 1851 Heinrich Haas war gelernter Bäcker, arbeitete aber als Tramkondukteur in Zürich als er die Ausschreibung eines Wetterwartes auf dem Säntis in einer Zeitungsannonce entdeckte. Als gebürtiger Appenzeller und begeisterter Berggänger bewarb er sich ohne Zögern um den Posten.
Die Stelle war für ein Ehepaar ausgeschrieben worden (weshalb wohl Kreuzpointner gar nicht in Frage kam). Haas war der ideale Kandidat, und so bekam er die Stelle. Im Oktober 1919 zog er mit seiner Frau und den beiden Kindern im Observatorium auf dem Säntis ein. Die Kinder Bertheli und Lenchen mussten allerdings während der Schulzeit im Tal unten bei der Mutter von Lena Haas-Räss wohnen. Bei der älteren Frau auf dem Photo handelt es sich wahrscheinlich um die besagte «Mutter Räss».
Familie Haas mit zwei unbekannten Männern vor dem Observatorium. Zwei Leute hatten im Observatorium offensichtlich genug zu tun: sie sägt das Holz und er spaltet es ...
... oder umgekehrt, er sägt und sie spaltet.
Frau Säntiswart an der Arbeit, während Herr Säntiswart den historischen Roman «Nena Sahib» über den indischen Revolutionsführer liest. Überall mit dabei, der Säntishund «Sturm». Er sollte später der einzige Zeuge des Doppelmordes werden.
Im Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Observatoriums befanden sich das Telefon und der Morseapparat. Gemäss Bildlegende wurde diese Photographie am 4. Februar 1922 aufgenommen. Auch auf diesem Bild ist wieder Säntishund «Sturm» zu sehen. Zweieinhalb Wochen später wird in diesem Zimmer Kreuzpointner Lena Haas erschiessen und «Sturm» wird neben der Leiche von Lena Haas «eine Verwüstung anrichten», wie es später im Polizeibericht heissen wird.
Das Instrumentenzimmer befand sich im 2. Obergeschoss. Beim abgebildeten Wetterwart handelt es sich wahrscheinlich um den Vorgänger von Heirich Haas, nämlich um Jakob Bommer.Von hier aus führte der Verbindungstunnel zum Gipfelplateau. Dieser Verbindungstunnel mündete unter dem kleinen Giebeldach im Windmesserhäuschen. Hier wurde später die Leiche von Wetterwart Haas gefunden.
Der Wetterwart hatte täglich dafür zu sorgen, dass das Windmesserrad sich frei drehen konnte und nicht vereiste.
Der Wetterwart auf dem Dach des Observatoriums bei der Arbeit. An der Ecke das Pluviometer zum Messen der Niederschlagsmenge. Ebenso wichtig wie der Wetterwart waren die Säntisträger. Sie brachten Brennholz und Essen auf den Gipfel. Hier Säntisträger Rusch und sein Sohn, die den Wetterwart begrüssen. Sie sollten später die Ermordeten finden. Die beiden Kinder Bertheli und Lenchen Haas auf dem Gipfel des Hundsteins. Diese Aufnahme entstand wahrscheinlich erst nach dem Tod der Eltern: die Kinder sind bereits älter und sie tragen schwarze Kleider.
Haas wurde im Nachruf, verfasst von seinem Bergkameraden Carl Egloff, folgendermassen charakterisiert [1]: «Kein Mensch ist vollkommen. Und manch einer, der den neuen Wetterwart nur oberflächlich gekannt hat, mag ihn als einen "Plauderer" bespöttelt haben. Zugegeben Haas erzählte gern und viel. Aber alles was er sprach zeugte von einer tiefgründigen, heissen Liebe zu den Bergen.»
Polizeiphotos vom Tatort
Anlässlich der Ausstellung «Seitenblicke» [3] zum Jubiläum «150 Jahre Bundesstaat» wurde eine Photochronik über die Jahre 1848 bis 1998 zusammengestellt. Repräsentativ für das Jahr 1922 wurde ein Polizeialbum mit Photos vom Doppelmord auf dem Säntis ausgestellt, welches im Stadtarchiv St. Gallen verwahrt wird. Originalzitate aus dem Polizeibericht der Kantonspolizei St. Gallen sind in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt.
Polizeiphoto der Leiche von Heinrich Haas. Diese lag auf dem Gipfelplateau beim Windmesserhäuschen. Die Aufnahme wurde mit einem Hochstativ gemacht, unten sind die Stativbeine und deren Schatten erkennbar. «In diesem Zusammenhang weist die Kriminalpolizei darauf hin, dass die unlängst angeschaffte Photoausrüstung mit Hochstativ endlich ein exaktes Signalement des Tatortes, also Detail- und Übersichtsbilder, ermöglicht. Anhand der photographischen Bestandesaufnahme kann die Spur des Täters vom Endpunkt her aufgerollt werden. Dem Gericht dienen die Photographien als Beweismittel.»
Das Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Observatoriums mit dem Telefon (rechts an der Wand) und dem Telegrafenapparat (links auf einem kleinen Tisch). Neben dem Stehpult unter dem Fenster liegt die Leiche von Lena Haas. «Die Verwüstungen am Tatort wurden durch den Hund "Sturm" angerichtet, der vier Tage lang eingeschlossen war. Die auf der Photographie markierte Einschlagstelle stammt von der Tatwaffe, einer Browning mit dem Kaliber 7,65.»
Der Säntis 2009
Den Säntis erreicht man heute bequem von der Schwägalp aus mit der Drahtseilbahn. Eine erste Drahtseilbahn kam bereits 1935 in Betrieb, die heutige wurde 1976 fertiggestellt.
Der alte Steinbau des Observatoriums zuoberst auf dem Gipfel ist praktisch unverändert ...
... ebenso das Windmesserhäuschen auf den Gipfelplateau, wo einst die Leiche von Heinrich Haas gefunden wurde... ... neu ist das futuristische Observatorium mit Sendeturm (siehe auch das zweite Bild), welches voll automatisiert ist und ohne Wetterwart auskommt. Eine Bergdohle umkreist das Observatorium. Aus dem Wolkenmeer ragen die sieben Churfirsten (v.l.n.r.): Chäserrugg/Hinterrugg, Scheibenstoll, Zustoll (der erste spitzige), Brisi, Frümsel und Selun – wie jeder Schweizer Schüler auswendig zu lernen hat.
Verwendete Literatur
[1] Carl Egloff: Erinnerungen an Wetterwart Haas. In: St. Galler Tagblatt, 11. März 1922, Seite 3/4. [2] Bruno Meier: Säntiswetter. Freuden und Leiden der Wetterwarte auf dem Säntis. Herisau: Appenzeller Verlag 1996. [3] Seitenblicke. Die Schweiz 1848 bis 1998 – eine Photochronik. Anlässlich der gleichnamigen Ausstellung zum Jubiläum «150 Jahre Bundesstaat». Zürich: Offizin 1998. Der Doppelmord auf dem Säntis wurde 1990 von Markus Imhof unter dem Titel «Der Berg» verfilmt. Den Wetterwart spielte Matthias Gnädinger. Das Drehbuch mit stark veränderten Charakteren schrieb Thomas Hürlimann. Der Film wurde an der Berlinale für den «Goldenen Bären» nominiert, und am Filmfestival von Trento gewann er den ersten Preis. Am 4. Juni 2011 wurde die Kammeroper «Mord auf dem Säntis» am Tatort auf dem Gipfel des Säntis durch das Theater Konstanz uraufgeführt. Die Musik wurde vom Volksmusiker Noldi Alder (Hackbrett, Naturjodel) und vom Zwölftonmusiker Friedrich Schenker (Posaune, Alphorn) geschrieben, das Libretto von Christoph Nix, dem Intendanten des Theaters Konstanz. (Die Photos für Fernsehbericht, Presse, Postkarten usw. wurden durch Photobibliothek.ch zur Verfügung gestellt.)
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